Jeder Mensch nimmt an jedem Tag unglaublich viele Informationen aus der Umwelt auf und verarbeitet sie. Die meisten Menschen haben jedoch einen sicheren Filter, der viele der Reize, denen wir täglich begegnen, aussortiert und nur die Informationen übrig lässt, die wir dringend benötigen. Manche Geräusche beispielsweise nehmen wir nicht mehr wahr, weil wir so an sie gewöhnt sind, wie das Rauschen der Straße der vor dem Fenster oder auch die haptische Wahrnehmung der Kleidung auf unserer Haut. Was aber, wenn wir diesen Filter nicht haben oder er durchlässiger ist als bei den meisten anderen Menschen? Was, wenn wir bei unseren Kindern feststellen, dass sie tagtäglich mehr aufnehmen als wir selbst und andere Kinder? Catherine Crawford hat sich den hochsensiblen Kindern in Ihrem Buch „Ich fühle was, was du nicht fühlst: Hochsensible Kinder verstehen“ gewidmet.
Catherine Crawford, Familientherapeutin in Kalifornien, hat sowohl persönlich als auch beruflich mit hochsensiblen Menschen zu tun: Ihr Kind und sich selbst beschreibt sie als intuitiv-empathisch-sensibel. Therapeutisch arbeitet sie mit hochsensiblen Kindern und Erwachsenen. Die eigenen Erfahrungen und Erlebnisse der therapeutischen Praxis bilden die Basis um ihr Wissen und Grundlage des Buches.
Während Vereine wie der „Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität e.V.“ Hochsensibilität als Fähigkeit beschreiben, die darauf beruht, dass durch besondere Eigenschaften des Nervensystems mehr und intensiver wahrgenommen werden kann, geht Crawford noch einen Schritt weiter und bezieht Empathie und Intuition bewusst in ihre Definition mit ein. Hierdurch nähert sie sich der Definition der „Indigo-Kinder“ oder auch „Kristallkinder“ und beschreibt, dass hochsensible Kinder sich u.a. durch einen ausgeprägten „sechsten Sinn“ bemerkbar machen können. Zahlreiche Beispiele aus ihrer eigenen therapeutischen Arbeit mit diesen Kindern untermalen diese Annahme in Kurzgeschichten: Sie berichtet von Kindern, die den Geist des Vorbesitzers des eigenen Wohnhauses sehen können, die eine Bedrohnung spüren noch bevor bekannt wird, dass ein Inhaftierter aus einem nahe gelegenen Gefängnis ausgebrochen ist u.ä.
Ziel des Buches ist es, die Symptome der Hochsensibilität heraus zu arbeiten, so dass Eltern ihre Kinder besser verstehen und sie auf dieser Basis an die Hand nehmen können, um ihnen das Leben mit ihrer Besonderheit zu erleichtern. Da hochsensible täglich mehr Informationen aufnehmen als „normale“ Kinder, sind sie oftmals früher erschöpft und weniger belastbar. Auch die Wahrnehmung der Gefühle anderer, die anfangs leicht als eigene Gefühle angenommen werden, kann Kinder vor große emotionale Probleme stellen. Diagnosen wie „ADHS“ werden hierdurch aufgeweicht und auf Hochsensibilität zurück geführt. Ob es sich bei ihrem Kind um ein hochsensibles Kind handelt, sollen Eltern durch die Reflexion über „10 wichtige Fähigkeiten, die hochsensible Kinder haben sollten“ erschließen. Anleitungen dazu, wie der Stress des hochsensiblen Kindes gesenkt werden kann oder Schutzrituale für Kinder, die sich in ihrem Schlafzimmer nicht sicher fühlen, geben den Eltern weiteres Handwerkszeug für den empfohlenen Umgang mit dem hochsensiblen Kind.
Wie Crawford auch selbst schreibt, lassen sich die Annahmen über hochsensible Kinder, insbesondere solche mit dem von ihr beschriebenen „sechsten Sinn“, derzeit wissenschaftlich nicht belegen. Viele der Beispiele, die Crawford anführt, sind sehr allgemein und treffen auf viele Kinder zu, beispielsweise wenn sie von Einschlaf- oder Durchschlafstörungen schreibt. Auch die von ihr genannten Verhaltensweisen für Eltern mit hochsensiblen Kindern sind solche, wie man sie auch in normalen Erziehungsratgebern häufig findet: Feinfühlig sein, die Signale des Kindes wahrnehmen, darauf reagieren und die Äußerungen und Gedanken des Kindes nicht abwerten oder ignorieren. Hochsensible Kinder benötigen demnach ebenso wie alle anderen Kinder sichere Bindungspersonen, die sie so annehmen, wie sie sind.
Gesamturteil: Etwas langatmig erfährt der Leser von den Symptomen, die hochsensible Kinder zeigen. Hierbei weist die Autorin sehr in die spirituelle Richtung und beschreibt insbesondere Kinder mit besonderer Empathie und Intuition. Hinweise an Eltern, wie diese mit den besonderen Begabungen und den daraus resultierenden Problemen umgehen können ergänzen das Buch, führen jedoch keine Neuigkeiten der Erziehungspraxis vor. Geeignet ist es daher für all jene, die sich für das Phänomen der „Indigo-Kinder“ und „Kristallkinder“ interessieren. Für Leser, die weniger spirituell veranlagt sind, ist Crawfords Buch eher nicht geeignet.